Die Schweiz ist nicht in der EU, ihr Arbeitszeitrecht ist mit der Richtlinie aber weitgehend kompatibel. Das Arbeitsgesetz (ArG) von 1964 setzt wöchentliche Höchstgrenzen von 45 oder 50 Stunden, je nach Beschäftigtenkategorie, mit täglichen und wöchentlichen Ruhezeiten, Pausen und einer Schweizer Besonderheit: drei Modi der Arbeitszeiterfassung, einschließlich einer vereinfachten Arbeitszeiterfassung, die seit 2016 Brennpunkt von Verhandlungen ist.
Dieser Beitrag erklärt die wichtigsten Grenzen des ArG, die drei Erfassungsmodi (vollständig, vereinfacht, Verzicht) und wann jeder zulässig ist.
Timesheet kostenlos testen
30 Tage kostenlos testen. Keine Kreditkarte erforderlich.
Kurzübersicht
| Regel | Wert | Fundstelle |
|---|---|---|
| Wöchentliche Höchstarbeitszeit (Industrie, Büro, technisches Personal, Detailhandel in Grossbetrieben) | 45 Stunden | Art. 9 Abs. 1 lit. a ArG |
| Wöchentliche Höchstarbeitszeit (übrige Arbeitnehmende) | 50 Stunden | Art. 9 Abs. 1 lit. b ArG |
| Tägliche Spannweite | 14 Stunden inkl. Pausen | Art. 10 ArG |
| Tägliche Ruhezeit | 11 Stunden zusammenhängend | Art. 15a ArG |
| Wöchentliche Ruhezeit | Sonntag (mit Ausnahmen) | Art. 18 ArG |
| Pausen | 15 Min bei mehr als 5,5h Arbeit, 30 Min bei mehr als 7h, 60 Min bei mehr als 9h | Art. 15 ArG |
| Mindesturlaub | 4 Wochen (5 für unter 20-Jährige) | OR Art. 329a |
| Aufbewahrungsfrist | 5 Jahre | Art. 73 ArGV 1 |
Die zweistufige Wochengrenze
Art. 9 Abs. 1 teilt die Schweizer Beschäftigten in zwei Gruppen:
- Gruppe A (45 Stunden): Industriebetriebe, Büroangestellte, technisches und anderes Salariat sowie Verkaufspersonal in Grossbetrieben
- Gruppe B (50 Stunden): alle übrigen (kleines Gewerbe, Gastronomie, Handwerk usw.)
Die meisten Wissensarbeitenden gehören zur Gruppe A. Gastronomie und Handwerk liegen typischerweise in Gruppe B. Wie Betriebe dort Beginn, Ende und Pausen mobil festhalten, zeigt die Mitarbeiter-Zeiterfassung für Bauarbeiter.
Die Höchstgrenze gilt für jede einzelne Woche. Ein Durchschnitt ist nur in engen Fällen zulässig, etwa eine Verlängerung um bis zu 4 Stunden für Beschäftigte mit 45-Stunden-Grenze und Fünftagewoche, sofern der Durchschnitt über vier Wochen eingehalten wird (Art. 22 ArGV 1). Dauerhafte Überschreitung kann nur durch formelle Überstundenregelungen mit strengen Bedingungen ausgeglichen werden.
Mehrarbeit: Zwei verschiedene Begriffe
Das Schweizer Recht unterscheidet zwei rechtlich getrennte Arten von Mehrarbeit: die gesetzliche Überzeit und die vertragliche Überstunden.
Art. 12/13: Überzeit (gesetzliche Mehrarbeit)
Stunden über der gesetzlichen Wochenhöchstarbeitszeit (45 oder 50) sind Überzeit und unterliegen den zwingenden Regeln der Art. 12 und 13 ArG, mit jährlichen Obergrenzen:
- Höchstens 170 Stunden pro Jahr in Gruppe A (45-Stunden-Woche)
- Höchstens 140 Stunden pro Jahr in Gruppe B (50-Stunden-Woche)
Bei Überzeit schreibt Art. 13 ArG einen Lohnzuschlag von mindestens 25 Prozent zwingend vor; der Arbeitsvertrag kann ihn nicht wegbedingen. Für Büropersonal, technische und andere Angestellte sowie Verkaufspersonal in Grossbetrieben des Detailhandels ist der Zuschlag erst für Überzeit geschuldet, die 60 Stunden im Kalenderjahr übersteigt. Der Ersatz durch gleich lange Kompensation in Freizeit (1:1) ist nur mit Einverständnis der beschäftigten Person zulässig; der Arbeitgeber kann diese Wahl nicht einseitig vorgeben.
OR Art. 321c: Überstunden (vertragliche Mehrarbeit)
Stunden über der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit, aber noch innerhalb der gesetzlichen Wochenhöchstarbeitszeit, sind Überstunden nach Obligationenrecht (OR) Art. 321c. Anders als bei der Überzeit ist diese Regelung vertraglich flexibel: Der 25-Prozent-Zuschlag kann schriftlich (oder durch Normalarbeitsvertrag oder GAV) wegbedungen werden, und im Einverständnis mit der beschäftigten Person können die Stunden durch Freizeit von mindestens gleicher Dauer ausgeglichen werden.
Ruhezeiten (Art. 15, 15a, 18)
- Tägliche Ruhezeit: 11 zusammenhängende Stunden
- Wöchentliche Ruhezeit: üblicherweise Sonntag; kantonale und sektorale Ausnahmen für Gastronomie, Verkehr, Gesundheit
- Spannweite: Gesamttagesanwesenheit inkl. Pausen darf 14 Stunden nicht überschreiten
Die Sonntagsruhe wird in der Schweiz strenger gehandhabt als in weiten Teilen der EU. Bewilligungen für vorübergehende Sonntagsarbeit erteilt die kantonale Behörde, für dauernde oder regelmässig wiederkehrende Sonntagsarbeit das SECO, und nur in definierten Fällen (Art. 19 ArG).
Pausen (Art. 15)
Drei Stufen:
- 15 Minuten bei einer täglichen Arbeitszeit von mehr als 5,5 Stunden
- 30 Minuten bei mehr als 7 Stunden
- 60 Minuten bei mehr als 9 Stunden
Die Pause muss eine echte Unterbrechung sein.
Die drei Erfassungsmodi
Das ist das Eigentümliche am Schweizer Recht: nicht eine Aufzeichnungspflicht, sondern drei.
Modus 1: Vollständige Erfassung (Standard)
Der Standardfall. Der Arbeitgeber erfasst pro Beschäftigte und pro Tag:
- Beginn und Ende der Arbeitszeit
- Pausen von einer halben Stunde und mehr (Lage und Dauer)
- Tagestotal
- Wochentotal
- Geleistete Überstunden
Aufzeichnungen werden mindestens 5 Jahre aufbewahrt (Art. 73 ArGV 1). Sie sind den Vollzugs- und Aufsichtsbehörden, etwa den kantonalen Arbeitsinspektoraten und dem SECO, zur Verfügung zu halten (Art. 46 ArG).
Modus 2: Vereinfachte Erfassung (Art. 73b ArGV 1)
Seit 2016 zulässig, unter Bedingungen:
- Die Beschäftigte kann ihre Arbeitszeit zu einem namhaften Teil selbst festsetzen
- Es besteht eine Grundlage für die vereinfachte Erfassung: eine Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretung der Branche oder des Betriebs (oder, wo keine besteht, der Mehrheit der Beschäftigten des Betriebs). In Betrieben mit weniger als 50 Beschäftigten kann sie stattdessen individuell schriftlich mit der beschäftigten Person vereinbart werden, samt einem jährlichen Jahresendgespräch über die Arbeitsbelastung
- Die Vereinbarung mit der Arbeitnehmervertretung legt die erfassten Beschäftigtenkategorien, besondere Bestimmungen zur Einhaltung der Arbeits- und Ruhezeiten sowie ein paritätisches Verfahren zur Kontrolle fest
- Die vereinfachte Erfassung erfasst weiterhin das Tagestotal der Arbeitszeit, nicht nur Monatssummen
Eine typische Wissensarbeitende mit flexiblen Stunden kann in Modus 2 wechseln, entweder über eine Vereinbarung mit der Arbeitnehmervertretung oder, in einem kleineren Betrieb, über eine individuelle schriftliche Vereinbarung. Die Aufzeichnung reduziert sich auf das Tagestotal; Pausen müssen nicht mehr separat protokolliert werden.
Modus 3: Verzicht (Art. 73a ArGV 1)
Noch enger:
- Bruttojahreseinkommen von mehr als CHF 120.000, einschliesslich Boni (bei Teilzeit anteilsmässig)
- Grosse Autonomie bei der Arbeit; die Arbeitszeiten werden mehrheitlich selbst festgesetzt
- Ein GAV erlaubt den Verzicht ausdrücklich
- Schriftliche Zustimmung der Beschäftigten (beide Seiten können sie jährlich widerrufen)
Modus 3 entbindet nur von der Pflicht zur Arbeitszeiterfassung: Höchstarbeitszeiten, Pausen und Ruhezeiten gelten weiterhin. Er betrifft einen schmalen Bereich von Führungspositionen und bleibt umstritten.
Laufende Reformdiskussion
Flexiblere Arbeitszeitregeln bleiben in der Schweiz politisch in Diskussion. Seit Juli 2023 erlaubt die Verordnung 2 Betrieben der Wirtschaftsprüfung, Treuhand und Steuerberatung, mit Vorgesetzten und Fachspezialisten ein Jahresarbeitszeitmodell zu vereinbaren (Art. 34a ArGV 2). Stand Oktober 2026 sind im Parlament zwei weitere Vorlagen hängig: eine Regelung der Telearbeit (parlamentarische Initiative 16.484), die für Beschäftigte, die ihre Arbeitszeit zu einem namhaften Teil selbst festsetzen, die tägliche Spannweite von 14 auf 17 Stunden verlängern und die tägliche Ruhezeit von 11 auf 9 Stunden verkürzen würde, sowie eine Motion (24.3779), die Beschäftigte mit einem Jahreslohn ab CHF 120.000 weitgehend von den Arbeits- und Ruhezeitbestimmungen befreien will. Der Nationalrat hat beiden zugestimmt; der Ständerat hat noch nicht entschieden. Arbeitgeber sollten Änderungen im Auge behalten, sich aber an den aktuell geltenden Regeln orientieren.
Sondergruppen
Jugendliche (ArGV 5)
Beschäftigte unter 18 fallen unter eine eigene Verordnung:
- Höchstens 9 Stunden täglich, innerhalb von 12 Stunden inkl. Pausen
- 12 Stunden tägliche Ruhezeit
- Strengere Grenzen für schulpflichtige Jugendliche, etwa 3 Stunden pro Tag und 9 pro Woche während der Schulzeit
- Nachtarbeitsverbot (mit engen Ausnahmen für die Berufsbildung)
Schwangere
Schwangere und stillende Mütter dürfen nicht über die vereinbarte ordentliche Dauer der täglichen Arbeit hinaus beschäftigt werden, keinesfalls über 9 Stunden pro Tag (Art. 60 ArGV 1). Konkrete Ruhe- und Gefährdungsbeurteilungspflichten gelten.
Leitende Stellung
Eine echte leitende Stellung (Personen mit Entscheidungsbefugnis auf Geschäftsleitungsebene) kann nach Art. 3 ArG aus dem Anwendungsbereich fallen; die Vorschriften über den Gesundheitsschutz gelten aber weiterhin (Art. 3a ArG). Eng definiert.
Inspektion und Strafen
Das SECO (Staatssekretariat für Wirtschaft) überwacht auf Bundesebene. Die kantonalen Arbeitsinspektorate (z.B. AWI Zürich, OCIRT Genf) führen die meisten Inspektionen durch.
Strafen nach Art. 59 bis 61 ArG:
| Verstoss | Strafe |
|---|---|
| Vorsätzlicher Verstoss gegen Arbeits- und Ruhezeitvorschriften (Fahrlässigkeit ist hier nicht strafbar) | Geldstrafe bis zu 180 Tagessätzen (je bis CHF 3.000) |
| Vorsätzlicher oder fahrlässiger Verstoss gegen den Gesundheitsschutz oder den Sonderschutz von Jugendlichen und Schwangeren | Geldstrafe bis zu 180 Tagessätzen |
| Missachtung einer Verfügung der kantonalen Behörde | Busse, Zwangsmassnahmen und in schweren Fällen befristete Schliessung des Betriebs (Art. 51, 52) |
Kantonale Behörden können zusätzlich administrative Massnahmen verfügen (z.B. Entzug von Sonntagsbewilligungen), die den Betrieb stärker treffen als die Busse.
Praktische Compliance-Liste
- Jede Beschäftigte korrekt in Gruppe A oder B einordnen. Fehleinordnung ist ein häufiger, teurer Fehler.
- Den passenden Erfassungsmodus wählen. Standardmässig Modus 1, sofern nicht die Bedingungen für 2 oder 3 klar erfüllt sind.
- Modus-Wahl dokumentieren. Schriftliche Vereinbarungen für Modus 2 oder 3 aufbewahren und bei individuellen Vereinbarungen für Modus 2 das jährliche Gespräch zur Arbeitsbelastung dokumentieren.
- Sonntagsruhe planen. Sonntagsarbeit ist bewilligungspflichtig; nicht stillschweigend annehmen.
- 11-Stunden-Ruhezeit und 14-Stunden-Spannweite einhalten. Harte Grenzen.
- 5 Jahre aufbewahren. Art. 73 ArGV 1 ist nicht verhandelbar.
Häufige Fragen
Sind Führungskräfte ausgenommen? Nur jene mit echter Autonomie und Geschäftsleitungs-äquivalenter Befugnis. Mittlere Führungskräfte nicht.
Modus 2 ohne GAV möglich? Ja. Die vereinfachte Erfassung braucht nie einen GAV (nur der Verzicht nach Modus 3). Nötig ist eine Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretung der Branche oder des Betriebs oder, wo keine besteht, der Mehrheit der Beschäftigten des Betriebs. In Betrieben mit weniger als 50 Beschäftigten kann sie auch individuell schriftlich mit jeder beschäftigten Person vereinbart werden (samt jährlichem Jahresendgespräch über die Arbeitsbelastung).
Gilt Sonntagsruhe für Telework? Ja. Telework am Sonntag gilt als Sonntagsarbeit und braucht dieselbe Bewilligungsgrundlage.
Was unterscheidet Gruppe A und B? Gruppe A (Industrie, Büro, Technik, Detailhandel in Grossbetrieben) hat 45 Stunden Obergrenze; Gruppe B 50. Die Einstufung erfolgt nach Betriebs- und Tätigkeitsart, nicht nach Wunsch der Beschäftigten.
Sind Feiertage separat von den 4 Wochen Urlaub? Ja. Die Schweiz hat 1 Bundesfeiertag (1. August), und jeder Kanton kann höchstens 8 weitere Feiertage im Jahr den Sonntagen gleichstellen (Art. 20a ArG). Sie sind getrennt vom 4-Wochen-Mindesturlaub.
Zusammenfassung
- Das Arbeitsgesetz setzt 45 Stunden Obergrenze für Büro- und Industriearbeitende, 50 für andere
- Drei Erfassungsmodi: vollständig (Standard), vereinfacht (Modus 2, per Vereinbarung mit der Arbeitnehmervertretung oder, in Betrieben unter 50 Beschäftigten, per individueller schriftlicher Vereinbarung), Verzicht (Modus 3, über CHF 120k mit GAV)
- 11 Stunden tägliche Ruhezeit, Sonntagsruhe mit kantonalen Ausnahmen
- Pausen gestaffelt mit 15/30/60 Minuten
- Jährliche Überzeitobergrenze 170h (Gruppe A) oder 140h (Gruppe B)
- SECO und kantonale Inspektorate setzen durch; Geldstrafe bis zu 180 Tagessätzen bei Vorsatz
Quellen
- Arbeitsgesetz (ArG) auf fedlex.admin.ch
- Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz (ArGV 1)
- SECO Informationen zur Arbeitszeit
- Obligationenrecht Art. 321c auf fedlex.admin.ch
Wie geht es weiter
- Zeiterfassung in der Schweiz nach dem ArG als kompakte Übersicht, welche Anforderung welche Funktion abdeckt
- Das Arbeitszeitgesetz und die Pflicht zur Zeiterfassung für den deutschen DACH-Nachbarn
- Österreich Arbeitszeitgesetz: Aufzeichnungspflicht 2026 für die österreichische Schwester
- Die EU-Arbeitszeitrichtlinie erklärt als Kontext, wovon sich die Schweiz bewusst unterscheidet